Momente, die das Leben erklären

Im Juni 2003 war so ein Moment, ein Moment, mit dem man alles erklären kann: Damals bin ich mit Ingmar in das Hauptstadion der Aachener Soers eingeritten. Der erste Galopp auf dem heiligen Rasen – es war ein wahnsinniges Gefühl. Der Platz ist einfach nur in alle Richtungen riesig. Wenn man vorne herein läuft, sieht man hinten die Sprünge noch nicht mal. Sonst kommt nach einem Sprung immer gleich der nächste, aber da ist einfach nur Platz. Auf diesem Platz wurde schon etliche Male Springsportgeschichte geschrieben und plötzlich war ich auch da. Das sind solche Momente, auf die man hinarbeitet, Momente, die ein ganzes Leben erklären.

Die Stichworte „Stall, Pferde und Natur“ fallen mir bei meinen Erinnerungen an meine Kindheit ein. Ich bin durch Brennnesseln gerobbt, habe Würmer gesammelt und bin im Matsch herumgetobt. Die Schule war nicht so mein Ding. Ehrlich gesagt war ich froh, als es vorüber war. Mit Mathe und Physik konnte ich noch das meiste anfangen. Außerdem war ich als kleines Kind ziemlich krank und meine Mutter ist sehr viel mit mir spazieren gegangen, damit ich frische Luft bekomme. Bei fast jedem unserer Spaziergänge sind wir an Pferdekoppeln vorbei gekommen und ich war immer wieder fasziniert. Mit sieben Jahren durfte ich dann anfangen zu reiten und sehr schnell war für mich klar: Ich wollte Springen reiten! Mit acht bin ich mit meinem ersten Pony Prince in meinem ersten
E-Springen an den Start gegangen und Zweite geworden. Von da an war der Weg für mich noch klarer: Pferde und Springsport – das ist seither die Philosophie meines Lebens.

Mit elf Jahren gewann ich mit der Pony-Mannschaft beim Süddeutschen Hallenchampionat meinen ersten Titel, mit zwölf war ich bei meiner ersten Europameisterschaft im Ponysattel am Start. Das war klasse und ich war sehr stolz, aber es war auch nicht immer einfach. Während die anderen Mädchen in meiner Klasse Popmusik hörten und Poster sammelten, habe ich trainiert. Es blieb nicht viel Zeit für andere Dinge. Und ich war drei oder vier Jahre jünger als meine Teammitglieder und nicht selten musste ich mir anhören, dass mein Vater ja so viel Geld hat und die teuersten Ponys kaufen konnte. Aber ich glaube, gerade deshalb musste ich manchmal noch viel härter arbeiten und trainieren als alle anderen. Aber ich wollte das – ich wollte reiten und ich wollte gut werden. Und viel wichtiger als das Geld war, dass mein Vater immer als Person hinter mir stand und an mich geglaubt hat. Er hat mich immer wieder darin beätigt, dass ich das, was ich wirklich will, durchziehen muss und kann. Meine Mutter und meine Schwester sind auch immer für mich da – fast hätte ich gesagt: in guten wie in schlechten Zeiten... Und das ist in unserem Sport noch viel wichtiger als alles andere: Menschen, die einem den Rücken stärken. Das war so zur Ponyzeit, in der Junioren- und Junge Reiter-Phase und ist jetzt vielleicht noch wichtiger. Denn der Druck im Sport wird ja immer größer. Es ist ein Unterschied, ob man als No Name an den Start geht oder als Platz 19 der Weltrangliste – Platz 19, bis dahin hatte ich mich 2004 vorgearbeitet. Das ist ein tolles Gefühl, aber auch ein bisschen Stress – eine Erwartungshaltung, die man an sich selbst stellt.

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Faith, Fohlen von Ingmar, aus
La Bonita, geb. 28. Juni 2010



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